SOS-EEG

Die Faktenbasis

Jede Zahl belegt — hier liegt die Munitionskiste offen.

Alle Angaben zur Novelle beziehen sich auf den Regierungsentwurf des EEG 2027 und des Netzanschlusspakets (Kabinettsbeschluss vom 29.07.2026). Es ist noch kein Gesetz — der Bundestag berät ab September 2026. Deshalb steht auf dieser Seite konsequent „geplant", „soll" und „würde": Nichts davon ist beschlossen, alles davon ist noch zu ändern. Anlagen mit Inbetriebnahme bis zum 31.12.2026 behalten ihre volle 20-Jahres-Vergütung.

5,2 ct / 36 Mon.

statt 20 Jahren fester Vergütung — was der Entwurf neuen Dachanlagen ab 2027 zugestehen würde

90.000 / 400.000

Direktvermarktungs-Fälle pro Jahr: Was das BMWE selbst erwartet — und was real nötig wäre

~160 Mio. €

hätte die Weiterförderung neuer Kleinanlagen das EEG-Konto 2030 gekostet (Agora Energiewende)

117 / 215 GW

installierte Solarleistung Ende 2025 — gegen das gesetzliche Ausbauziel für 2030 (§ 4 EEG)

Der Zeitstrahl des Verfahrens

Vom geleakten Arbeitsentwurf bis zum geplanten Inkrafttreten — und das Fenster, in dem sich alles entscheidet.

DatumSchritt
27.02.2026Arbeitsentwurf geleakt — erstmals öffentlich: Förder-Aus für PV bis 25 kW Quelle: pv magazine
17.–22.07.2026Referentenentwurf; Verbändeanhörung mit nur drei Werktagen Frist Quelle: pv magazine
29.07.2026Kabinettsbeschluss EEG-Novelle 2027 + Netzanschlusspaket; Bundeswirtschaftsministerin Reiche: „Wir beenden das EEG als Rundum-Sorglos-Paket" Quellen: Bundesregierung, dpa/onvista
ab Anfang Sept. 2026Bundestag (1. Lesung, Ausschuss für Wirtschaft und Energie) + Bundesrat — konkrete Termine noch offen; hier entscheidet sich alles Quelle: zfk-Gesetzesticker
31.12.2026EU-Beihilfegenehmigung des alten EEG läuft aus — harter Zeitdruck für die Koalition Quelle: Prometheus Recht
01.01.2027Geplantes Inkrafttreten der EEG-Novelle Quelle: ARQIS

Was der Entwurf vorsieht

Die geplanten Änderungen im Überblick — Bereich für Bereich, exakt nach Kabinettsfassung.

BereichGeplante Änderung
Dach-PV bis 25 kWDie feste 20-Jahres-Vergütung (heute 7,70 ct Teileinspeisung / 12,22 ct Volleinspeisung, BNetzA ab 01.08.2026) soll entfallen. Stattdessen: Übergangszahlung anfänglich 5,2 ct/kWh für max. 36 Monate, mit Abschmelzpfad — 2027 nur Anlagen bis 50 kW, 2028 bis 25 kW, 2029 und 2030 bis 7 kW, ab Inbetriebnahmejahr 2031 nichts mehr (§ 21 Abs. 1 EEG-E; das Kabinett verlängerte die 7-kW-Stufe gegenüber dem Referentenentwurf um ein Jahr — viele Medien schreiben noch „ab 2030", das ist der veraltete Entwurfsstand). Quellen: Regierungsentwurf (PDF), zfk, BSW-Solar
DirektvermarktungspflichtSoll von 100 kW stufenweise auf 50 kW (2027), 25 kW (2028), 7 kW (2029) rutschen — das würde fast jede Neuanlage treffen; als Ausgleich vorgesehen: 1,5 ct/kWh Bonus für max. 48 Monate (unter 25 kW). Quelle: zfk
NetzanschlusspaketDie Einspeiseleistung kleiner und mittlerer Dachanlagen soll am Netzanschlusspunkt dauerhaft auf 50 % begrenzt werden (Eigenverbrauch/Speicher unberührt), Solarparks auf 70 %. Zudem dürften Netzbetreiber erstmals auch von PV-Betreibern Baukostenzuschüsse verlangen — als Kann-Regelung (§ 17 EEG-E): kein Betrag und kein Stichtag im Gesetz; Verfahren und Höhe müsste die Bundesnetzagentur erst per Festlegung nach § 29 EnWG bestimmen. Nach heutigen Praxiswerten wären es 40–150 €/kW ≈ 1.000 € bei 10 kWp — eine Hochrechnung, keine Entwurfszahl. Das Netzpaket soll bereits am Tag nach der Verkündung in Kraft treten; die Stiftung Umweltenergierecht hält die unmittelbare Netzbetreiber-Befugnis für unionsrechtlich angreifbar. Quellen: Referentenentwurf Netzanschlusspaket (PDF), pv magazine, zfk, Stiftung Umweltenergierecht
Gewerbedach 40–750 kWEinheitswert 6,2 ct/kWh statt Leistungsklassen; der Volleinspeisebonus (bis 5,1 ct) soll ersatzlos gestrichen werden; Dach-Ausschreibungen 2.300 → 1.500 MW/Jahr (−35 %). Quelle: zfk
InnovationssegmentDas Ausschreibungs-Untersegment für Agri-, Moor-, Parkplatz- und Floating-PV soll komplett gestrichen werden. Quelle: BSW-Solar
FreiflächeMehr Volumen (10 → 14 GW/a), aber CfD-Zwang und Redispatch-Vorbehalt (entschädigungslose Abregelung bis 20 % der Jahresmenge in Engpassgebieten). Quelle: ARQIS
BalkonkraftwerkeBis 2 kW von den neuen Pflichten ausgenommen — aber künftig ohne jeden Vergütungsanspruch (Überschuss würde verschenkt). Quelle: t-online
BestandsanlagenNicht betroffen: Wer bis zum 31.12.2026 in Betrieb nimmt, behält die volle 20-Jahres-Vergütung. Quelle: Solaranlage-Ratgeber

Die vier Kernbefunde

Der Strompreis-Mythos

Der Haushaltsstrompreis 2026 liegt bei 37,0 ct/kWh (3.500 kWh, Neukundentarife): 15,17 ct Beschaffung/Vertrieb, 9,26 ct Netzentgelte, 12,6 ct Steuern/Abgaben/Umlagen. Eine EEG-Umlage kommt darin nicht mehr vor. Quelle: BDEW-Strompreisanalyse 04/2026

Die EEG-Umlage (zuvor 3,723 ct/kWh) wurde zum 01.07.2022 auf null gesenkt und ab 2023 abgeschafft — die Förderung zahlt seither der Bundeshaushalt, nicht die Stromrechnung. Wer heute „die Erneuerbaren machen den Strom teuer" sagt, argumentiert mit dem Stand von 2021. Quelle: BMWE-Pressemitteilung vom 28.04.2022

Der Preisschock 2022 war ein Gaspreis-Schock: Day-Ahead-Preis 2021: 96,85 €/MWh → 2022: 235,45 €/MWh, weil Gaskraftwerke per Merit-Order den Preis setzen. PV hat keinen Brennstoff. Quelle: Bundesnetzagentur/SMARD

Ohne Photovoltaik wäre der Börsenstrompreis 2024 rund 15 % höher gewesen — 6,1 Mrd. € Ersparnis für Verbraucher und Industrie, ca. 48 €/Jahr je 4.000-kWh-Haushalt. Quelle: Enervis-Studie im Auftrag des BSW-Solar; Kernzahl von Fraunhofer ISE übernommen

Struktureller Preistreiber sind die Netzentgelte — 2026 nur dank eines einmaligen 6,5-Mrd.-€-Bundeszuschusses gesunken (~100 €/Jahr Entlastung je Haushalt); der Zuschuss ist nur für ein Jahr gesichert. Redispatch kostete 2025 rund 3,07 Mrd. € — über 96 % des EE-Stroms wurde eingespeist. Quellen: Bundesregierung, IWR/SMARD

Zur Ehrlichkeit gehört: Die laufenden EEG-Milliarden (16,2 Mrd. € Finanzierungsbedarf 2026) zahlt heute der Steuerzahler statt der Stromkunde. Genau deshalb ist relevant, dass die geplante Streichung der Kleinanlagen-Förderung daran fast nichts ändern würde: Die Weiterförderung neuer Kleinanlagen hätte das EEG-Konto 2030 nur mit rund 160 Mio. € belastet. Quelle: Agora Energiewende via heise

Das Déjà-vu von 2012

Nach den EEG-Kürzungen 2012 fiel die PV-Beschäftigung von 100.300 (2012) auf rund 56.000 (2013) — nahezu eine Halbierung binnen eines Jahres. Quelle: BMWi-Forschungsbericht (DLR/GWS)

Vom Höchststand 156.700 (2011) gingen über 110.000 Solar-Jobs verloren; Tiefpunkt ~40.000 (2017), Erholung bis 2022 auf 84.100. Quelle: Strom-Report auf Basis der BMWE/ZSW-Reihe

Der Zubau brach damals von über 8 GW (2012) auf 2,6 GW (2013) und 1,19 GW (2014) ein — mit einer Insolvenzwelle von Solon über Q-Cells bis Solarworld (2017). Quelle: pv magazine

Heute arbeiten über 120.000 Menschen in der PV- und Speicherbranche (EUPD-Prognose: 133.000 bis 2030), verteilt auf 18.555 Installationsbetriebe, 46 % davon Kleinstunternehmen — Schwerpunkte Bayern (3.846), NRW (3.444), Baden-Württemberg (2.983). Betroffene Betriebe gibt es in praktisch jedem Wahlkreis. Quellen: BSW-Solar, Listflix

Der BSW-Solar warnt zur Novelle vor einem möglichen Nachfrageeinbruch um mehr als zwei Drittel bei Privathaushalten und Kleingewerbe — Zehntausende Arbeitsplätze wären gefährdet (Verbandsprognose). Quelle: BSW-Pressemitteilung vom 24.07.2026

Und schon die Ankündigung wirkt: Das Elektrohandwerk meldete für 2025 rund 10 % Rückgang bei PV-Dachinstallationen (395.000 → 355.000) — vor jeder Kürzung. Quelle: ZVEH-Umfrage via pv magazine

Ausbauziel vs. Realität

§ 4 EEG legt 215 GW Solarleistung bis 2030 als gesetzliches Ziel fest — Ende 2025 waren 117 GW installiert. Nötig wären ~19,6 GW Zubau pro Jahr; der Ist-Pfad im 1. Halbjahr 2026 liegt annualisiert ~25 % darunter. Quellen: § 4 EEG, Bundesnetzagentur

Der Einbruch im Dachsegment läuft bereits: Im 1. Halbjahr 2026 sank die Zahl neu registrierter Anlagen um 18 % gegenüber 2025 und knapp ein Drittel gegenüber 2024; Gewerbedächer 100–750 kW: −48 %, 30–100 kW: −39 % (jeweils Anlagenzahl). Erstmals brachten 1.002 Freiflächenanlagen mehr Leistung als 185.000 Dachanlagen zusammen. Quellen: logicenergy/BNetzA-Daten, Solarserver

Konservative Modellrechnung (Ableitung, Annahmen offengelegt): Bricht der Dachzubau um zwei Drittel ein, würde das 215-GW-Ziel um rund 43 GW verfehlt und erst ~2034/35 erreicht — die Regierung bräche mit diesem Gesetz ihr eigenes Gesetz.

Der Rahmen, in dem das geschieht: 41,8 °C am 27.06.2026 in Möckern-Drewitz (Sachsen-Anhalt) — neuer deutscher Allzeitrekord; das RKI schätzt rund 5.100 hitzebedingte Sterbefälle allein in der elftägigen Hitzewelle vom 18.–28.06. Die Flut 2021 verursachte über 40 Mrd. € Schaden — die teuerste Naturkatastrophe der deutschen Geschichte; eine Studie im Auftrag des BMWK beziffert die Klimafolgekosten bis 2050 auf 280–900 Mrd. €. Quellen: DWD, RKI, GDV, Prognos

Was es Haushalte kostet

KennzahlHeute (Inbetriebnahme 2026)Unter der Novelle (geplant, ab 2027)
Vergütung Einspeisung (10-kWp-Anlage, Teileinspeisung) 7,70 ct/kWh, 20 Jahre garantiert anfänglich 5,2 ct für max. 36 Monate, danach Direktvermarktung zu Marktwerten (2026 zwischen 11,02 und 1,32 ct/kWh schwankend)
Einspeiseerlös über 20 Jahre (netto) ~6.160 € ~200–2.200 € (nach Abzug von ~160 €/Jahr Direktvermarkter + je ~50 €/Jahr Zähler/Steuerung bei nur ~250 €/Jahr Markterlös)
Amortisation (SFV/aquu-Studie, 10 kW + 10-kWh-Speicher) 15,6 Jahre 24 Jahre (Direktvermarktung) · über 30 Jahre (Nulleinspeisung ohne Speicher)
Zusatzkosten Netzanschluss Baukostenzuschüsse würden erstmals zulässig — als Kann-Regelung der Netzbetreiber, ohne Betrag im Entwurf (nach heutigen Praxiswerten ≈ 1.000 € bei 10 kWp — Hochrechnung, keine Entwurfszahl); dazu die geplante 50-%-Einspeisekappung

Quellen: ADAC/BNetzA · PV2027-Studie (aquu im Auftrag des SFV, 09.06.2026) · DGS-Marktwerte · zfk

Ehrliche Einordnung: Mit Speicher und hohem Eigenverbrauch verlängert sich die Amortisation in optimistischeren Modellrechnungen nur um etwa 1,5 Jahre — die Novelle träfe vor allem Anlagen ohne Speicher und die Kalkulationssicherheit. Genau diese Differenziertheit macht die Faktenbasis glaubwürdiger als jede Panik-Zahl.

Die Gegenargumente — und was dran ist

Die stärkste Fassung jedes Pro-Novelle-Arguments — geschlagen mit den Zahlen der Regierung selbst.

„Der Bundeshaushalt muss entlastet werden" — das EEG kostet den Bund 14,6–18 Mrd. € pro Jahr.

Die Milliarden fließen an Bestandsanlagen mit unantastbaren Altverträgen — daran würde die Novelle nichts ändern. Die Regierung selbst beziffert die Kosten neu geförderter Anlagen bis 2032 auf 12,8 Mrd. € — „nahezu konstant" gegenüber geltendem Recht. Die Weiterförderung neuer Kleinanlagen hätte 2030 nur rund 160 Mio. € gekostet — etwa 2 % der laufenden Solarförderung.

Quellen: dpa/onvista, Agora Energiewende via heise

„PV rechnet sich auch ohne Förderung."

Der eigene Monitoringbericht des Ministeriums widerlegt das: Bei 3.000 kWh Verbrauch steigt die Amortisation mit Speicher ohne Vergütung von 17 auf über 30 Jahre — ohne Speicher amortisiert sich die Anlage gar nicht mehr.

Quelle: energie-experten.org zum Monitoringbericht

„Negative Strompreise und Netzstress" — 573 Negativpreis-Stunden 2025, Redispatch über 3 Mrd. €.

Das Problem ist seit Februar 2025 gelöst: Das Solarspitzengesetz streicht Neuanlagen die Vergütung bei Negativpreisen (§ 51 EEG), ohne Smart Meter gilt die 60-%-Grenze (§ 9 EEG). Die Novelle bekämpft ein Gespenst — und die geplante pauschale, permanente 50-%-Kappung würde unabhängig von der realen Netzlage wirken. Netzdienlichkeit erreicht man über Speicher, Steuerbarkeit und Preissignale, nicht über Förderentzug.

Quelle: Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen (KEAN)

„Direktvermarktung ist zumutbar — selbst der BDEW ist grundsätzlich dafür."

Direktvermarktung kostet Kleinanlagen heute ~140–160 €/Jahr plus Gebühren — bei ~250 €/Jahr Markterlös. Selbst der Kronzeuge BDEW will die Pflicht erst ab 2030, erst ab 7 kW und über standardisierte Prozesse — nicht 2027 per Kaltstart. Und das BMWE plant selbst nur mit 90.000 der über 400.000 nötigen Fälle pro Jahr: eingeplantes Scheitern.

Quellen: BDEW, Agora Energiewende via heise

„Die EU zwingt uns" — die Beihilfegenehmigung endet, CfD-Pflicht ab Juli 2027.

EU-Recht erzwingt eine Neugestaltung — nicht das Förder-Aus fürs Hausdach: Der eigene Entwurf setzt den CfD-Refinanzierungsbeitrag erst ab 100 kW an und nimmt Kleinanlagen aus. Wäre das Kleinanlagen-Aus EU-geboten, bräuchte es keine 100-kW-Schwelle. Das ist eine politische Entscheidung Berlins.

Quelle: Kanzleianalyse Raue

„Der Paradigmenwechsel ist überfällig — das Rundum-Sorglos-Paket muss enden."

Sogar aus dem Kabinett selbst kam die Warnung: Finanzminister Klingbeil und Umweltminister Schneider warnten in der Ressortabstimmung vor einem „Ausbremsen der Energiewende"; SPD-Energiesprecherin Scheer nennt den Entwurf koalitionsvertragswidrig. Der Appell fordert keinen Stillstand — er fordert Marktintegration mit funktionierender Infrastruktur statt per Kaltstart.

Quellen: Cleanthinking, Solarserver

Die Quellen

Die tragenden Primär- und Fachquellen dieser Seite, nach Themen sortiert. Wer eine Zahl anzweifelt: Hier steht, wo sie herkommt.

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Strompreis & Ökonomie

Arbeitsplätze & Markt

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